Mein Herz schlägt ewig an der Biegung des Flusses
Kindheitserinnerungen an Boppard
Irgendwann fangen die Toten an zu reden. Zuerst hört man sie wohl nur ganz vereinzelt und in besonderen Situationen, beispielsweise kurz nachdem jemand verstorben ist. Du denkst zuerst, es sei nur ein Gedanke, ein flüchtiger Gedanke, weil der Tote ja noch nicht ganz weg ist. Irgendwie ist er noch so halb in dieser und auf dieser Welt. So erklärst du dir das zumindest, damit dein Verstand zufrieden ist und du nicht an ihm zweifeln musst.
Der Tote sagt etwas zu dir, etwas wie „Hab schön auf dich Acht!“ oder „Du hast keine Schuld. Denke nicht so einen Unsinn. Alles ist gut.“ Manchmal zaubert das ein Lächeln auf dein Gesicht. Manchmal schüttelst du, wenn du dich unbeobachtet fühlst, den Kopf.
Aber dann wird es mehr. Mit den Jahren kommen immer mehr Tote hinzu. Wochenlang, monatelang oder jahrelang hörst du nichts von ihnen, und dann ist es wie verhext. Als hätten sie sich verabredet oder würden eine Art Homecoming veranstalten: Plötzlich hörst du ganz viele von Ihnen, ein Stimmengewirr, aber schnappst nur Brocken von dem, was sie sagen, auf. Sie geben dir das Gefühl, einer von ihnen zu sein, und das macht dir Angst.
Neulich saßen sie alle an einem Tisch, tranken Wein und redeten durcheinander. Manchmal fiel dabei mein Name, und das macht mir höllisch Angst. Als sie das bemerkten, lachten sie und versuchten mich zu beruhigen. Ich müsse mich noch etwas gedulden, meinte meine alte Lateinlehrerin, was mein Mathelehrer mit dem Ausruf kommentierte, er habe mich noch nie allzu geduldig erlebt.
Ich denke, dass das alles Unsinn ist und ich mir all das nur einbilde, aber eine andere Seite in mir ist davon überzeugt, dass dem nicht so ist, dass da mehr ist als Fantasie oder Einbildung. Radiowellen kann man auch nicht sehen oder anfassen. Was ist mit Bluetooth? Warum sollten Lebewesen nicht nach ihrem physischen Tod energetisch weiterleben und ihr Wesen behalten? Wer wird mir das Gegenteil beweisen können?
