Mein Herz schlägt ewig an der Biegung des Flusses
Kindheitserinnerungen an Boppard
Im Angesicht von alten Mauern bin ich aufgewachsen.
Noch immer höre ich das Trommeln nackter Kinderfüße in den Gassen.
Ich stehe am Rhein und rieche den Fluss,
höre die Wellen, wenn große Schiffe vorbeigefahren sind,
lasse Steine springen.
Ich gehe die Stationen hoch bis auf den Kreuzberg
und meine Kreuzigung besteht allenfalls in einer Sinalco, einem Eis
und einem Blick auf Boppard
mit seinen Kirchtürmen,
und in der Ferne blinkt der Rhein golden.
Wenn ich in die Pfarrkirche gehe, dann umfängt mich der Weihrauch,
und eine feierliche Stille,
aber dann draußen,
wenn die Sonne scheint, dann wird alles wieder irdisch, lebendig,
und nur weniger Meter
und ich habe eine Waffel mit Eis in der Hand.
Aber drinnen höre ich die Orgel.
Sie tönt machtvoll und hallt nach, bis heute.
Wenn ich ihr entfliehen möchte, dann besuche ich alte Geschäfte.
In der Kirchgasse gibt es den Metzger, das Obstgeschäft,
den Blumenladen, die Reinigung, die Drogerie.
Ich baue sie alle wieder auf, weil ich sie vor mir sehe,
weil ich sie riechen kann, wenn ich die Türen öffne.
Ich höre die Stimmen, sehe das Lachen und entscheide einfach,
dass nichts fort ist.
Es ist so leicht. Und wenn ich hoch gehe
bis zum Angert, dann warte ich wieder an der heruntergelassenen Bahnschranke.
Ich höre den Zug herankommen, schließe die Augen und spüre den Wind.
Es riecht nach Zug, als er durch ist, und ich höre, wie die Schranken
wieder nach oben gedreht werden,
die Autos fahren langsam, und ich sehe und spüre,
wie sie über die buckeligen Gleise rollen.
Ich öffne die Augen und gehe auch
über die Gleise.
Die Kirchturmuhr der evangelischen Kirche schlägt – wie oft?
Ich lasse sie achtmal schlagen,
denn jetzt muss ich nach Hause gehen,
will einmal noch ins Elternhaus,
und schon steht es da.
So gehe ich zurück wieder über die Gleise,
renne die letzten Meter,
jauchze vor Glück,
der Birnbaum, er trägt.
Mein Schlüssel steckt in meiner Tasche,
er war immer dort.
Ich schließe auf und rieche den kalten Flur.
Meine Tante höre ich von oben rufen,
und jetzt entscheide ich,
dass alles gut ist
und keine Zeit vergehen soll.
Ewig will ich die Kinderfüße in den Gassen hören,
ich setz mich einfach in den kalten Flur
auf eine kleine Kommode
bis meine Mutter kommt
und mich fragt, was sei.
„Ach nichts“, hör ich mich sagen,
„nur ein kurzer böser Traum,
träumt ich doch, all das hier sei lang vorbei.“
