Pferde als Spiegel unserer Persönlichkeit
Der Umgang mit dem Pferd bietet eine große Chance zum persönlichen Wachstum. Der Grund hierfür ist einfach zu erklären: Aufgrund ihrer großen Wahrnehmungsfähigkeit sind Pferde dazu in der Lage, Verhaltensweisen, körperliche und vornehmlich emotionale Gegebenheiten beim Menschen zu erfassen. Pferde sind keine magischen Wesen, die aufgrund von Zauberkräften in Menschen hineinschauen können, aber unsere Emotionen korrespondieren mit einer Vielzahl von physiologischen Reaktionen, unserer Körperhaltung und Bewegungsmustern. Pferde sind aufgrund ihrer Eigenschaften als Flucht- und Herdentiere gleichsam darauf programmiert, die Befindlichkeiten und Intensionen der sie umgebenden Lebewesen zu erfassen, um ihr Überleben zu sichern, denn wenn ein Herdentier beispielsweise unruhig ist, weil es eine Gefahr wahrnimmt, dann erfassen dies die anderen Herdenmitglieder ebenso.
Viele Menschen sind von Pferden fasziniert und berichten, dass sie durch den Umgang mit Pferden viel gelernt und sich entwickelt haben.
Das vorliegende Buch hat sich zur Aufgabe gemacht, diesen Prozess gezielt zu fördern, sei es durch praktische Übungen oder passende Selbstreflexionen.
Im Einzelnen soll es um folgende Parameter gehen: Führung, Sanftmut, Ruhe und Gelassenheit, Wahrnehmung und Achtsamkeit, Selbstkongruenz, Abgrenzungsfähigkeit, Selbstdisziplin, Beziehungsfähigkeit, Kritikfähigkeit/Frustrationstoleranz.
Empfohlen wird die Arbeit im Sinne eines Coachings mit einer erfahrenen Trainerin/Trainer oder bei entsprechender Erfahrung im Umgang mit Pferden auch allein.
Bei zahlreichen Übungen werden Sie den Eindruck gewinnen, es gehe doch vielmehr um die Ausbildung des Pferdes und weniger um die persönliche Entwicklung. Dieser Eindruck täuscht nicht, doch schließen sich beide Sichtweisen nicht aus.
Ich erinnere mich an eine Karikatur, die während unserer verhaltenstherapeutischen Ausbildung die Runde machte. Da unterhalten sich zwei Ratten in einem Labyrinth, und die eine sagt zur anderen: „Oh man, ich habe diesen Burschen so konditioniert, dass er mir jedes Mal ein Leckerli gibt, wenn ich direkt zum Ausgang laufe!“ Ja, es stellt sich manchmal in der Tat die Frage: Wer bildet eigentlich wen aus?
Bilden wir ein Pferd aus oder bildet es uns aus? Können wir tatsächlich von Pferden lernen?
Zwei Pferde im Gespräch oder: Wie ich den Menschen zähmte
„Kompliment,“, schnaubte der Braune und nickte seinem Nachbarn, einem stolzen Schimmel zu. „Wie du den in nur zwei Jahren hinbekommen hast, das ist schon eindrucksvoll.“
„Danke!“ erwiderte der Schimmel sichtlich stolz. „Es war gar nicht so schwer, denn ich denke, mein Mensch hat auch schon viel mitgebracht.“
Der Braune kaute nachdenklich an seinem Heu. Eine ganze Weile sagten beide nichts.
„Das Interieur ist natürlich von großer Bedeutung“, murmelte er dann versonnen, „doch ohne dein gutes und gezieltes Training hätte das niemals so hervorragend funktioniert. Weißt du noch, wie es am Anfang war? Ich muss heute noch wiehern, wenn ich mir in Erinnerung rufe, wie ungeschickt er sich angestellt hat. Zudem war er ängstlich und unkonzentriert. Und die holprigen Bewegungen … Was hast du eigentlich genau da gemacht.“
Der Schimmel grinste.
„Ich habe ihm einfach erst einmal nur meinen Hintern hingedreht.“
„Und wie hat er darauf reagiert?“ wollte der Braune wissen.
„Ach, lachte der Schimmel“, er hatte Schiss, dass ich austrete, und als ich das bemerkt habe, da habe ich mal kurz so getan. Das war vielleicht ein Spaß!“
Beide mussten wiehern.
„Er hat dann verzweifelt versucht, meine Aufmerksamkeit zu bekommen und hat mir, als das nicht gelang, wieder mein Halfter angezogen und mich sehr eng und kurz daran geführt. Ich habe ihn dann belohnt, indem ich ihm nur brav gefolgt bin, wenn er mal lockergelassen hat. So habe ich mein Menschlein konditioniert. Er hat natürlich gedacht, er hätte mir etwas beigebracht und war mächtig stolz. Aber ich musste ihn ja irgendwie motivieren und hatte keine Lust, von einem Anfänger als Problempferd abgestempelt zu werden. Er war mir ja sympathisch und ich wollte schon, dass er mich behält.“
„Wie ist das dann weitergegangen?“
„Ach, das Wichtigste ist, dass du die Menschen bei der Stange hältst. Sie sind aber so leicht zu manipulieren. Ich habe ihn immer freudig mit einem Wiehern begrüßt, wenn er in den Stall kam, und schwups erhielt ich dafür Karotten. Immer wenn er sanft und konzentriert mit mir umgegangen ist, bin ich auch entsprechend auf mein Menschlein eingegangen. So konnte ich u.a. seine Körpersprache verfeinern. Jetzt habe ich fast schon einen richtigen horseman aus ihm gemacht. Na ja, das ist sicher übertrieben. Dazu bedarf es noch einiger Jahre, aber der Grundstein ist gelegt.“
„Klasse!“ Der Braune zupfte wieder an seinem Heu. „Ein Mensch mit gutem Interieur und dein Training! Das konnte nur gutgehen. Wenn es jetzt ans Reiten geht, dann zählt aber auch das Exterieur. Vom Gewicht und von den Bewegungen her dürftest du da auch Glück haben, was ich bisher so gesehen habe.“
Der Schimmel nickte.
„Er muss noch lernen, die Hüften mehr zu öffnen. Da ist noch alles zu und verspannt. Aber er saß auch erst dreimal auf meinem Rücken. Ich weiß noch nicht, wie ich das vermitteln kann. Wenn ich mich einfach verweigere oder nur langsam mache, dann fürchte ich, dass er das nicht kapiert.“
„Tja, seufzte der Braune. Menschenausbildung ist eine Wissenschaft für sich und bedeutet für uns lebenslanges Lernen.“
